Gemeindearbeit im Kontext von Armut und Ausgrenzung

Author
a geistreich member
Created at: 2011-07-19
Last major update at: 2011-07-19
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Menschen in Armut, Gemeindeleitung
Institutions
Evangelische Kapellengemeinde in Heidelberg
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: no information
Execution: Auf Dauer
Votes
2 votes
Comments to the document
Siegel

Abstract

Die Kapellengemeinde ist eine Personalgemeinde Badens und befindet sich in der „Diakoniestraße“ im Herzen von Heidelberg. Sie hat sich entschieden, „Diakoniekirche für Heidelberg“ zu sein.

Situation / context

In der „Diakoniestraße“ im Herzen von Heidelberg.

Goals

Die Kapellengemeinde ist eine Personalgemeinde der Evangelischen Landeskirche in Baden und befindet sich in der „Diakoniestraße“ im Herzen von Heidelberg. Vor sechs Jahren hat sie sich entschieden, „Diakoniekirche für Heidelberg“ zu sein. Dafür gab sie sich folgende Leitsätze: Die Kapellengemeinde:

  • feiert Gottesdienste, in denen an den Rand gedrängte Menschen in die Mitte genommen werden, in denen diakonische Einrichtungen in ihrer ganzen Vielfalt ihre Stimme erheben können, in denen Konsequenzen unserer christlichen Botschaft für das diakonische, sozial-politische Reden und Handeln der Kirche deutlich werden;
  • lebt als Gemeinde mit sozial benachteiligten Menschen unserer Stadt. Inhalte der Arbeit sind dabei: Hilfe zur Selbsthilfe anregen, nicht für, sondern mit Betroffenen arbeiten und Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit der Betroffenen fördern.
  • knüpft mit am Netzwerk „Diakonie“ und stellt Verbindungslinien zwischen diakonischen Einrichtungen in ökumenischer und sozial-politischer Weite her und ist damit auch sozialpolitische Stimme der evangelischen Kirche in Heidelberg.

 

Aus diesen Leitsätzen hat die Kapellengemeinde verschiedene Projekte gegen Armut und Ausgrenzung entwickelt.

Reflection / background

Diakonie ist seinem ursprünglichen Sinn nach der Tischdienst. Ich erfahre die Diakonie Gottes so: Ich trete als Sünder zum Altar und bekenne vor Gott: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, dann wird mein Knecht gesund“ (Mt 8,8). Und dann bekomme ich von Christus das Brot des Lebens und den Kelch des Heils gereicht – umsonst. Wenn ich mich dann nach links und rechts wende, sehe ich da andere mit mir stehen: Obdachlose, Menschen mit psychischen Krankheiten, Theologieprofessoren, alleinerziehende Mütter mit Migrationshintergrund, Millionäre, trockene Alkoholiker, usw. Sie alle sind Sünder wie ich – nicht mehr und nicht weniger. Sie alle empfangen den Kelch des Heils und das Brot des Lebens, die Vergebung durch Christus. Wenn ich mich ihnen in Gemeinschaft und Nächstenliebe zuwende, ist das Diakonie. Mission findet statt, wenn Nächstenliebe, Gemeinschaft und Gebet zusammenkommen. Das Zusammenspiel von Nächstenliebe, Gemeinschaft und Gebet hat eine Ausstrahlungskraft, die Menschen anzieht und lebendig zeigt, was die Liebe Christi bedeutet, wie umfangreich und überfließend sie ist. Franz von Assisi hat einmal zu seinen Brüdern gesagt:

  • „Verkündigt das Reich Gottes immer – wenn es unbedingt notwendig ist, auch mit Worten.“

General information on realization

---

Preparation

---

Realization

Armut

manna ist ein Treffpunkt für Menschen, die mit wenig Geld auskommen müssen. Sie bekommen hier ein kleines Frühstück und die Möglichkeit zu einem seelsorglichen Gespräch. Täglich gibt es eine von MitarbeiterInnen gestaltete Andacht um 12 Uhr. Die missionarische Idee des Projekts war, mit manna Menschen in Armut ins Zentrum des Gemeindelebens zu holen. Ihnen soll durch manna Kraft für den Tag gegeben, und mit ihnen soll Gemeinde aufgebaut werden.

Für manna gab die Kapellengemeinde ihr altes Pfarrbüro auf und mietete eine ehemalige Bäckerei in der Innenstadt von Heidelberg an. Gegenüber befindet sich der Tafelladen „Brot und Salz“ der Diakonie. In der direkten Nähe gibt es weitere diakonische Einrichtungen: die Suchtberatung, ein betreutes Wohnen für Senioren, eine Tagesstätte für psychisch kranke Menschen und ein Obdachlosenwohnheim.

Es wurden enge Beziehungen zu den anderen diakonischen Einrichtungen in Heidelberg aufgebaut. An sie können die Gäste bei Bedarf verwiesen werden. Zuerst war manna nur am Donnerstag und am Freitag von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Die Öffnungszeiten wurden kontinuierlich erweitert. Es kamen immer mehr Gäste. Deswegen wurde zusätzlich das Foyer der Kapelle von Dienstag bis Samstag von 10 bis 12 Uhr geöffnet. 2009 zog manna aus der ehemaligen Bäckerei in einen größeren Laden auf der anderen Straßenseite um.

manna soll armen Menschen ihren Wert zeigen. Dies geschieht schon durch eine freundliche Begrüßung. In Gesprächen wird alles erzählt: die Lebensgeschichte, konkrete Sorgen und Ängste, Tagespolitik, Witze … Damit manna ein freundlicher Ort bleibt, gibt es allerdings auch strenge Hausregeln: kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Hunde, keine Gewalt. Das Gewaltverbot wird umfassend ausgelegt: Schreien oder strenger Körpergeruch werden ebenfalls als Formen von Gewalt angesehen und nicht geduldet. Bei konkreten Notsituationen werden Gäste in diakonische Hilfseinrichtungen vermittelt. Es gibt ein Frühstücksangebot, das bewusst zwar äußerst preiswert, aber nicht umsonst angeboten wird, um dem Frühstück nicht den Charakter eines Almosen zu geben.

Da Menschen, die schon lang von Arbeitslosengeld II leben müssen, immer mehr Schwierigkeiten haben, aus der Isolation auszubrechen und Schritte in die eigene Zukunft zu unternehmen, wurden manna-Kurse mit unterschiedlichen Bildungsangeboten eingerichtet: Kurse in EDV, Englisch, Malen und Gymnastik. Vorträge und Informationsveranstaltungen zu Themen wie Sucht und Arbeitslosigkeit finden statt. Weitere Kurse sind „Kochen fürs Hartz IV-Budget“, „Laufen statt Saufen“, „Trommeln“, „Singprojekte“, „Stimmbildung“.

manna ist eng in die Kapellengemeinde eingebunden: Die sonntäglichen Gottesdienste der Gemeinde werden auch auf die manna-Gäste ausgerichtet. Die Leiterin von manna, die drei Jahre nach der Eröffnung mit einer 50-Prozent-Stelle angestellt werden konnte, ist beratendes Mitglied im Ältestenkreis. Die Gäste kommen in die Bibelstunde, zu Gemeindeausflügen, zu Gemeindefesten und werden hier herzlich empfangen. Inzwischen gab es einige Gemeindeeintritte von Gästen, Taufen und eine Erwachsenen-Konfirmation. Dazu kommen noch Sonderveranstaltungen: ein Grillfest am 1. Mai, für uns der „Tag der Arbeitslosigkeit“, den manna-Advent und das große Weihnachtsfestmahl am 25. Dezember in der Kapelle im Anschluss an den Gottesdienst.

Inzwischen arbeiten 35 ständige ehrenamtliche MitarbeiterInnen in der Seelsorge mit, weitere zeitlich befristet als Dozenten für manna-Kurse, eine Hausmeisterin (50-Prozent-Stelle mit Förderung durch Job-Center) und eine Leiterin (50-Prozent-Stelle). Die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen kommen aus 12 verschiedenen Heidelberger Gemeinden (evangelisch, katholisch und freikirchlich). Pro Öffnungstag sind in der Regel drei ehrenamtliche MitarbeiterInnen anwesend. Sie sind so eingeteilt, dass sie alle zwei Wochen in festen Gruppen Dienst haben und als SeelsorgerInnen den Gästen für Gespräche zur Verfügung stehen.

Täglich kommen 20 bis 60 Gäste. Dazu kommen immer wieder auch nicht von Armut betroffene Menschen, die sich in manna wohl fühlen. manna hat die Gemeinde verändert und neu belebt: Neue Gemeindemitglieder und neue MitarbeiterInnen sind gekommen. Neue SpenderInnen konnten gewonnen werden. Die Kapellengemeinde hat im Zuge der Entstehung von manna ein neues Profil bekommen. manna hat auch die Theologie und Spiritualität in der Gemeinde verändert: In manna erfährt man viel Ungerechtigkeit in den Lebensläufen der Gäste. In dieser Welt gibt es keine Gerechtigkeit, sondern manchen Menschen geht es besser und anderen viel schlechter.

Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin sagte einmal zu mir: „Herr Pfarrer, manchmal weiß ich nicht mehr, wer hier eigentlich wen braucht: Die Gäste uns oder wir die Gäste.“ Eine verarmte Rentnerin rief beim Frühstücken einem interessiert hereinschauenden Passanten zu: „Kommen Sie rein, das ist Kirche!“

 

Migration

Als Pfarrer der Kapellengemeinde bin ich auch Lehrer an einer Altenpflegeschule und hatte dort in einem Jahrgang sechs Afrikaner. Sie erzählten mir, dass sie in Afrika ein frommes Leben führten, in Deutschland aber keine Heimat in einer Gemeinde fanden. Also entwickelten wir einen Afrika-Weihnachts-Gottesdienst für den 26. Dezember. Aus diesem entwickelte sich ein monatlicher Afrika-Gottesdienst mit Afrikanern und für Afrikaner. Ein Afrika-Chor probt wöchentlich und gestaltet den Gottesdienst musikalisch.

Aus einer Sterbebegleitung einer jungen Kolumbianerin entwickelte sich ein Kontakt zu einem Latino-Gebetskreis. Dieser trifft sich nun alle zwei Wochen in der Kapelle. Seit 2008 kommen regelmäßig Iraner in die Gemeinde. Sie konvertierten vom Islam zum Christentum und wünschten sich eine persische Bibelstunde, die seit zwei Jahren alle zwei Wochen stattfindet. Bisher wurden 15 Moslems in der Kapelle getauft. Es kommen auch Moslems, die nicht konvertieren wollen, in die Bibelstunde und zu den Gottesdiensten. Sie sind in der Kapelle ebenfalls herzlich willkommen. Es gab auch schon eine christlich-muslimische Trauerfeier.

Wegen dieser Aktivitäten bekam ich als Pfarrer einen Bezirksauftrag für Gemeinden anderer Sprache und Herkunft und gründete einen „Internationalen Konvent christlicher Gemeinden“ für Heidelberg, in dem sich solche Gemeinden miteinander vernetzen (chinesische Protestanten, Kopten, koreanische Methodisten, Anglikaner …).

Die Evangelische Landeskirche in Baden finanziert im Rahmen ihres Fonds „Kirchenkompass“ für drei Jahre eine 25-Prozent-Stelle für die christliche Verkündigung unter Migranten in der Kapelle. Eine junge Kamerunerin kümmert sich im Rahmen dieses Auftrags um die Migrantengruppen und baut ein regelmäßiges Internationales Frauenfrühstück auf, in dem gezielt Migrantinnen gefördert werden sollen. Dort können sie sich über Kindergärten und Schulen, über die Verbindung von Familie und Beruf und über den Umgang mit Identitätsproblemen zwischen dem Herkunftsland und Deutschland austauschen.

Für weitere Migrantengruppen will die Kapelle ihre Räume öffnen. Ziel ist kein „Säulenmodell“, in dem die Migrantengruppen nebeneinander leben, sondern ein Gemeinschaftsmodell, das den Kontakt zwischen den Gruppen und zu den Menschen ohne Migrationshintergrund stärkt. Innerhalb dieses Modells soll auch Raum sein für die jeweils eigene Kultur und Sprache.

 

Diakonie

Die Kapelle pflegt einen guten Kontakt zu den diakonischen Einrichtungen von Heidelberg. Mit dem Blauen Kreuz gibt es einen Gottesdienst am Buß- und Bettag zur Ehrung derjenigen, die ein Jahr lang abstinent geblieben sind, eine Ausstellung „Kunst-Sucht-Kirche“ mit Bildern von Suchtkranken und das gemeinsame Projekt „Franziskuskinder“, das sich um Kinder suchtkranker Eltern kümmert.

Es gibt einmal im Jahr einen Gottesdienst zum Gedenken der verstorbenen Obdachlosen, einen Gottesdienst zur Überreichung der Zeugnisse für examinierte Altenpfleger, und Gottesdienste zur Einführung und Verabschiedung von Einrichtungsleitern.

 

Links

Projekte dieser Gemeinde:

Projekt Manna - Raum für Leib und Seele

http://www.geistreich.de/experience_reports/285

Projekt Gedenkgottesdienst für verstorbene Obdachlose aus der Region

http://www.geistreich.de/experience_reports/221

Projekt Weihnachts-Festmahl

http://www.geistreich.de/experience_reports/222

Projekt Ein Jahr trocken

http://www.geistreich.de/experience_reports/220

 

Imagefilm der Gemeinde

http://www.youtube.com/watch?v=fjoo9rbyuNI

 

 

Weiterführende Literatur

  • Johannes Eurich, Florian Barth, Klaus Baumann, Gerhard Wegner (Hrsg.): Kirchen aktiv gegen Armut und Ausgrenzung. Theologische Grundlagen und praktische Ansätze für Diakonie und Gemeinde, Stuttgart 2011.  
  • Heinrich W. Grosse: „Wenn wir die Armen unser Herz finden lassen“. Kirchengemeinden aktiv gegen Armut und Ausgrenzung. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts (SI) der EKD, Hannover 2007.
  • Wilfried Härle (Hrsg.): Wachsen gegen den Trend. Analysen von Gemeinden, mit denen es aufwärts geht, Leipzig 2008.

 

Quelle

  • Brennpunkt Gemeinde 3-2011 / Gemeindearbeit

Wrap up & follow-up actions

---

Effect / experience

Positiv

Adopted and refined

    Connected content

    • Diakonie
      Diakonie ist eine der vornehmsten Aufgaben der Kirche.
      This article is visible for all internet-users.
      from a Geistreich-member
    • Gemeinde Heisterbacherrott
      Gemeindeprofile beschreiben eine Gemeinde als Ganze. Dabei kann es Entscheidungen geben, die die Gemeinde als Ganze betreffen; auch Profilgemeinden können hier genannt werden.
      This article is visible for all internet-users.
      from a Geistreich-member

    geistreich video

    Hide Video