Gottesdienst mit dementiell Erkrankten und der ganzen Gemeinde

Author
a geistreich member
Created at: 2011-11-11
Last major update at: 2011-11-11
Languages
Deutsch (Original, currently shown)
In section
Senioren, Citykirchen und Profilgemeinden, Alter und Pflege, Alternative Gottesdienste, Ökumene und Internationales
Institutions
Ev. Trinitatis Gemeinde Berlin-Charlottenburg in Berlin
Keywords
Target audiences
Practitioners
Information
Preparation: Ca. 3 - 4 Monate
Execution: Ca. 1 1/2 Stunden
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Gottesdienst

Abstract

Ein Gottesdienst wird speziell an den Bedürfnissen von
Dementen ausgerichtet und dient auch ihrer Integration.

Situation / context

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Goals

Demente werden nicht ausgegrenzt, sondern in das Gemeindeleben hineingenommen.

Reflection / background

Bereits seit 2004 werden in der Gemeinde Gottesdienste für Demenzkranke, zusammen mit der übrigen Gemeinde, gefeiert.

In Berlin leben überdurchschnittlich viele ältere Menschen, die häufig auch allein leben.

Gestiegene Lebenserwartung geht vielfach mit einem Abbauprozess physischer und geistiger Fähigkeiten einher.

Von den über 65-Jährigen leidet etwa ein Viertel an einer psychischen Störung. Knapp die Hälfte der gestellten Diagnosen entfällt auf Demenz-Erkrankungen. Oft sind Hausärzte und die Mitarbeiter/innen von Pflegediensten die einzigen Besucher und Ansprechpartner.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens in Krankheit, Leiden und Einsamkeit rückt verstärkt in den Vordergrund.

Im Jahr 2004 ging vom "Geistlichen Zentrum für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen" bei der Luther-Gemeinde in Schöneberg und vom "Gerontopsychiatrisch-Geriatrischen Verbund Charlottenburg-Wilmersdorf" an die Trinitatis-Kirchengemeinde die Anfrage, einen Gottesdienst mit demenzkranken Menschen auszurichten.

Seitdem finden diese Gottesdienste in der Gemeinde zweimal jährlich statt.

General information on realization

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Preparation

Etwa drei Monate vorher findet ein Treffen der für den Gottesdienst

Hauptverantwortlichen hinsichtlich Logistik, Finanzierung und Durchführung statt. Hier werden auch alle organisatorischen Fragen besprochen. An- und Abtransport der Kranken und der Begleitpersonen durch Transportunternehmen oder heimeigene Autos; Catering für Kaffee und Kuchen.

Der Gottesdienst steht immer unter einem besonderen Thema, das von der Gemeindepfarrerin ausgewählt wird. Zur Vorbereitung gehört auch die künstlerische und musikalische Ausgestaltung.

Hierfür konnte neben der Kirchenmusikerin ein Kinderchor gewonnen werden. Die Raumgestaltung variiert je nach Thema (z.B. eine Arche Noah aus Latten oder große Lattennetze mit Lilien zum Thema "Lilien auf dem Felde"). Künstlerisch ausgebildete Pflegekräfte oder der Kirchwart, der von Beruf Designer ist, helfen dabei.

Beim ersten Treffen ist auch die Finanzierung zu klären. 200 adressierte und persönlich unterschriebene Einladungen gehen vor allem an Diakonie- und Sozialstationen und an Wohn- und Pflegeheime sowie betreute Wohngemeinschaften, hauptsächlich im eigenen Stadtbezirk, aber auch darüber hinaus. Mit Flyern wird in den Kirchenkreisen geworben. Außerdem wird für die Gottesdienste in Zusammenarbeit mit einem Layouter ein besonderes buntes, thematisches Plakat erstellt.

Zwei Wochen vor dem Gottesdienst findet ein zweites Vorbereitungstreffen statt. Bis zu diesem Termin sollte die Anzahl angemeldeter Teilnehmer feststehen. Von einigen Einrichtungen ist bis dahin aber noch keine Anmeldung erfolgt, so dass Nachfragen erforderlich sind.

Vor dem Gottesdienst ist das anschließende Kaffeetrinken vorzubereiten.

Realization

Bereits eine Stunde vor dem um 10.00 Uhr beginnenden Gottesdienst sind die ersten Besucher in der Kirche und werden von der Pfarrerin und von Helfern begrüßt.

Da auch Gemeindeglieder ohne Demenz kommen, wird darauf geachtet, dass Demente und Nicht-Demente gemischt sitzen.

Die Auswahl der gesungenen Lieder orientiert sich am Thema des Gottesdienstes. Es empfiehlt sich aber auch, bekannte und eingängige Lieder zu singen. Ein Liederzettel weist auch die liturgischen Stücke aus. Die Liturgie ist etwas gekürzt und vereinfacht gegenüber der agendarischen. Einerseits bleibt so der Zusammenhang mit den anderen Sonntagsgottesdiensten gewahrt, andererseits können alle der Liturgie folgen.

Als Predigtform hat sich die Dialogpredigt als sinnvoll erwiesen. Zwei Sprecherinnen mit jeweils kürzeren Abschnitten sorgen in einem Gespräch für Spannung, was Konzentration und Aufmerksamkeit erhöht. Anschaulichkeit und der Bezug auf Erfahrungen und Erinnerungen sind dabei wichtig.
Neben der Predigt ist das Abendmahl der andere Höhepunkt dieser Gottesdienste.
Wie mit der Predigt die innere Vorstellungskraft angesprochen wird, so mit dem
Abendmahl die äußere, sinnliche Wahrnehmung. Es wird gewissermaßen erfahrbar,
dass jede und jeder mit dazugehört.

Nach der Präfation und Einsetzung des Abendmahls wird es, nach entsprechender Ansage, in den Reihen ausgeteilt.

Die Pfarrerin, ehrenamtliche Helfer und Kinder aus dem Kinderchor reichen Weißbrotkörbe und Tabletts mit Einzelgläsern mit Spendeformel in die Reihen.

Zum Abschluss fassen sich zur Sendung alle durch die ganze Kirche an den Händen zum Zeichen des Friedens und der Gemeinschaft.

Vor dem Segen gibt es für alle GottesdienstbesucherInnen - meist verteilt von den Kindern des Kinderchores- noch ein kleines Geschenk. Das ist ein kleines Andenken oder Erinnerungszeichen, um es mit nach Hause zu nehmen.

Bei "Kleider machen Leute" waren es Schals; an "Irgendwie Anders" erinnerte eine Bindfadenkette mit hölzernen ICH-Buchstaben, bei "Weißt du, wie viel Sternlein stehen" war es ein Stern zum Anstecken.

 

Dauer

Ca. 1 ½ Stunden

 

Arbeitsaufwand

s.o. (verringert sich bei wachsender Routine)

 

Mitarbeitende

Pfarrerin, etwa 40 Ehrenamtliche

 

Materialien

Elemente der Raumgestaltung, Blumen, Flyer, Einladungsbriefe,  Andenken

 

Kosten

Etwa 1.600 Euro. Die beteiligten Sozial- und Diakoniestationen und der gemeindliche Verein "Haus Trinitatis" unterstützen das Projekt, auch der Kirchenkreis. Hinzu kommen Spenden und ein Zuschuss vom Diakonischen Werk.

 

Link/Homepage

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit diesem Thema finden Sie in einem Studienbericht der Ansprechpartnerin:
http://www.glaube-und-demenz.de/downloads/gottesdienstfuerdementeundanderemenschen.pdf

Wrap up & follow-up actions

 Aufräumen

Effect / experience

200-300 Menschen nehmen an dem Gottesdienst teil, davon 100-150 Demenzkranke.

Da Demenzerkrankte große Veranstaltungen meist nicht mehr gewohnt sind, sind die ungezwungene Ruhe schon vor Beginn des Gottesdienstes und die Aufmerksamkeit im Verlauf sehr eindrucksvoll.

Somit kann der Gottesdienst auch Angehörigen Mut machen, mit den Kranken Veranstaltungen zu besuchen.

 

Rückmeldungen der Teilnehmenden/Mitarbeitenden

Beim anschließenden Kaffeetrinken und vor allem beim Verabschieden gibt es eine Menge ganz unterschiedlich ausgedrückter Reaktionen.

Manche zeigen stolz ihr Andenken. Viele bedanken sich. Mancher Gesunde oder Kranke schämt sich auch der Tränen nicht.

Einmal sangen einige alte demenzkranke Damen "Auf Wiedersehen" und winkten mit ihren Taschentüchern.

Besonders interessant sind Reaktionen von Pflegekräften und Begleitpersonen.
Sie kommen oft aus anderen Kulturen und/oder haben zu unseren Gottesdiensten kein näheres Verhältnis. Sie sagen nicht nur, wie schön und wohltuend sie den Gottesdienst für ihre Schutzbefohlenen finden, sondern zeigen sich oft selber ganz überrascht, wie nahegehend und verständlich sie diesen Gottesdienst persönlich empfinden.

Eine große Erfahrung bei diesen Gottesdiensten ist für die Mitarbeitenden, dass diese Arbeit vor allem unvoreingenommene menschliche Zuwendung braucht. Fachleute hatten schon vorher gesagt, dass es kein anderes Rezept für das Gelingen gebe. Manchmal scheint dies Einfachste auch das Schwerste zu sein.

Aber das Bemühen lohnt sich.

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